THDE liest: Blumen für Algernon - vom Trottel zum Genie

Science-Fiction-Romane laufen stets Gefahr zu veralten. '1984' ist so ein Beispiel: Vom Namen mal abgesehen sind auch die geschilderten Überwachungsmethoden inzwischen kalter Kaffee. Es gibt allerdings auch zeitlose Geschichten wie 'Blumen für Algernon'.

Die Geschichte von Charly und Algernon

Diese Zeitlosigkeit mag daran liegen, dass die Geschichte ein klassisches Beispiel für Soft-SF ist, Technik also nur als Mittel zum Zweck nutzt. Dass ihr dies gelingt, obwohl sie von 1958 ist, beweist diese Tatsache desto mehr.

Blumen für Algernon handelt vom retardierten Charlie Gordon, der zwar äußerst lernwillig, aber eben nicht lernfähig ist. Aufgrund seiner hohen Motivation wird ein Angebot an ihn herangetragen, mittels einer Operaton intelligent zu werden. Hierfür muss er eine Art Tagebuch in Form von Fortschrittsberichten schreiben. Die Geschichte besteht ausschließlich aus diesen Einträgen. Der Natur seiner anfänglichen Intelligenz entsprechend sind diese zu Beginn nicht ganz einfach zu lesen.

Ich möchte gern Intelgent sein Mein name ist Charly Gordon und ich Schafe in der Bäckerei Donner Mr Donner gibt mir 11 dollers die woche und brot und kuchen wen ich will. Ich bin 32 Jahre Alt und negsten monat ist mein Geburtstag.

Seine Kollegen sind gleichzeitig seine "Freunde" und obwohl sie sich nicht als solche verhalten, macht ihn deren Umgang glücklich, da er nicht versteht, dass sie sich nur über ihn lustig machen.

Sie gaben mir file getrenke und Joe sagte Charly ist ne numer wen er folgelaufen ist. Ich glaube das beteutet das sie mich gern haben

Durch die gewählte Form der Fortschrittsberichte spürt der Leser Charlys Entwicklung am eigenen Leib und diese Form geht deutlich über die reine Vermittlung der Geschichte hinaus. Der Leser nimmt direkt an Charlys Gefühlsleben teil und fiebert förmlich mit ihm. Während er noch auf die Verbesserung seiner Intelligenz wartet, muss er mit der zuvor auf die gleiche Weise operierten Maus Algernon in einem Labyrinth um die Wette laufen.

Mit wachsender Intelligenz verändert sich aber nicht nur die Form der Fortschrittsberichte sondern gleichzeitig auch seine Gefühlswelt. Er erkennt, dass seine "Freunde" alles andere als wahre Freunde sind und diese wiederum nehmen ihm seine Veränderung übel, weil diese sie ängstigt.

Je intelligenter Sie werden, desto mehr Probleme werden Sie haben, Charly. Ihr intellektuelles Wachstum wird Ihr emotionelles Wachstum überflügeln.

Eine Wendung nimmt die Geschichte, als Charlie in einem Restaurant sieht, wie ein tumber Tellerwäscher einige Schüsseln fallen lässt und er in das Gelächter der anderen Gäste einstimmt. In dem Kellner erkennt er sein früheres Ich und seine eigene Reaktion lässt ihn auf sich selbst wütend sein.

Wie sonderbar, dass anständig denkende und empfindende Leute, die einem ohne Arme oder Beine oder Augen geborenen Menschen gegenüber niemals ihre Überlegenheit ausspielen würden, nichts dabei finden, einen mit geringer Intelligenz geborenen Menschen zu verspotten.

Englische ErstauflageEnglische Erstauflage

Mut hat der Autor mit dem besonderen Ende des Buchs bewiesen. Schon bei der Veröffentlichung der Kurzgeschichte musste er für dieses Ende kämpfen. Bei der Buchausgabe lehnte er mehrere Verlagsangebote ab und zahlte sogar die Vorauszahlung an Doubleday zurück, bis er einen Verlag fand, der die Geschichte mit dem existierenden Ende übernahm.

Die Geschichte hinter der Geschichte

Blumen für Algernon hat eine beachtliche Serie an Erfolgen vorzuweisen. Zuerst als Kurzgeschichte verfasst, errang sie den Hugo Award für die beste Kurzgeschichte. Der Autor, Daniel Keyes, schmückte die Geschichte aus und der daraus entstandene Roman wurde 1966 mit dem Nebula Award für das beste Buch ausgezeichnet.

Bei der Preisverleihung fragte ihn der berühmte SF-Schriftsteller Isaac Asimov, wie er es geschafft habe, eine solche Geschichte zu schreiben und Keyes antwortete schlicht:

Wenn Sie es je herausfinden, sagen Sie es mir, damit ich es erneut tun kann.

Doch damit war der Siegeszug der Geschichte noch nicht beendet. Blumen für Algernon wurde mehrfach verfilmt und Cliff Robertson erhielt als Hauptdarsteller der Verfilmung unter dem Namen Charly von 1968 den Oscar als bester Darsteller. Neben den fünf Verfilmungen gibt/gab es zu diesem Stoff auch eine Mini-TV-Serie und sogar ein Broadway-Muscial.

Blumen für Algernon erhielt eine weitere, wenn auch zweifelhafte, Auszeichnung. Der Roman war in den USA auf der Liste der Anträge auf Verbote in Büchereien auf Platz 43 (für den Zeitraum der 90er-Jahre). Im Gegensatz dazu steht er auch heute noch auf dem Lehrplan vieler Schulen in den USA. Die Verbotsanträge  verdankt der Roman hauptsächlich den im Buch hinzugekommenen Passagen, in denen Charlie seine Sexualität entdeckt. Harry Potter erreichte im gleichen Zeitraum übrigens "nur" Platz 48 und Aldous Huxleys Schöne neue Welt Platz 54. Der Roman befindet sich also in guter Gesellschaft.

Schon vor über 10 Jahren wurde der Roman über fünf Millionen Mal verkauft und in 27 Sprachen übersetzt.

Geschichte, Buch oder gar Film?

Wer Interesse an der Geschichte um Charlie Gordon hat, muss sich eine zentrale Frage stellen: Welche der Versionen soll ich lesen oder soll ich lieber eine der Verfilmungen sehen?

Die Antwort darauf ist nicht einfach zu finden. Sowohl Kurzgeschichte als auch Buch haben ihre eigenen Stärken und ihre Existenzberechtigung. Für die Geschichte sprechen sicherlich zwei Dinge. Erstens bringt sie die Sache mehr auf den Punkt und zweitens ist sie schlicht das Original.

Das Buch hingegen hat mehr Raum, um die Charaktere und Charlies Entwicklung auszuarbeiten. Im Gegenzug gibt es Stimmen, die in der Buchversion Längen finden oder sich an einzelnen hinzugefügten Passagen (wie etwa den sexuellen) stören. Das Buch wurde übrigens in Deutschland im Jahr 2015 erneut aufgelegt und ist derzeit erhältlich.

Letztlich ist es also Geschmackssache. Wer gerne liest, wird vermutlich eher das komplette Buch bevorzugen. Wer eher ein Gelegenheitsleser ist, dem reicht eventuell auch schon die Kurzgeschichte - wobei diese nicht leicht zu erlangen ist.

Eine Alternative sind natürlich die etlichen Verfilmungen. Allerdings geht hier sicherlich ein beachtlicher Teil des "Flairs" verloren.

Zu guter Letzt gibt es noch ein schweizer Hörspiel aus dem Jahr 1977, das kostenlos auf der Webseite des Radiosenders SRF zu hören ist. Allerdings ist das Hörspiel zu Beginn etwas anstrengend, was man durchaus als geplante Analogie zum gewöhnungsbedürftigen Anfang des Originals sehen kann.

Fazit

Blumen für Algernon schafft etwas ganz Besonderes: Die Geschichte spricht gleichermaßen Verstand wie Herz an. Charlies Transformation vom Trottel zum Genie gelingt vorzüglich und wird durch die besondere Form des Buchs nachvollziehbar und glaubwürdig.

Geschichte wie Buch sind eine Perle der Science-Fiction, ohne wirklich Science-Fiction zu sein. Wer also fliegende Autos, Zeitreisen, Raumschiffe und skurrile Außerirdische erwartet, muss woanders danach suchen (und wird sicherlich leicht fündig). Wer hingegen gleichzeitig unterhalten und berührt werden will, sollte einen Blick in Geschichte oder Buch wagen.

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1 Kommentar
    Dein Kommentar
  • bava
    Schon ewig her, dass ich die Geschichte gelesen habe. Aber die Erinnerung daran, dass mich die Geschichte wortwörtlich zu Tränen gerührt hat, ist immer noch frisch. Das schafft nach 35 Jahren nur selten ein Buch.
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