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THDE liest: Paradox: Am Abgrund der Ewigkeit

THDE liest: Paradox: Am Abgrund der Ewigkeit
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Nachdem die Rezension von Daniel Suarez' Büchern Daemon und Darknet gut angekommen ist, wenden wir uns jetzt dem neuesten Roman eines noch recht neuen deutschen Autors zu.

Mitte vorletzten Jahres erschien mit Transport das Erstlingswerk des deutschen Science-Fiction-Schriftsteller Phillip P. Peterson. Transport war ein Action-geladener Science-Fiction-Roman in der Tradition von Stargate. Trotz der für amerikanische Action-Filme typischen Charaktere gab  es aber auch einen philosophisch anmutenden Teil.

In Paradox: Am Abgrund der Ewigkeit prallen im Jahr 2023 zwei äußerst unterschiedliche Charaktere aufeinander: David Holmes ist ein junger, ziemlich nerdiger Wissenschaftler, der die Pioneer-Anomalie erforscht. Diese Anomalie beschreibt eine unerwartete Beschleunigung der zwei Sonden Pioneer 10 und Pioneer 11.

Im Zuge seiner Forschungen untersucht Holmes das Verschwinden der Sonde Pioneer 1 bei einem Sonnenabstand von 134,3 astronomischen Einheiten. Als er vom Kontrollzentrum aus beobachtet, wie Voyager 2 im gleichen Abstand zur Sonne ebenfalls verschwindet, sieht David seine bisher noch nicht veröffentlichte Vermutung bestätigt.

"Junge, hör mir zu. Wenn Du in unserem Alter bist und langsam über deinen Ruhestand nachdenkst, wirst Du Dich fragen, ob Deine Entscheidungen im Leben richtig waren. Und ich kann Dir aus eigener Erfahrung versichern, dass Du ungenutzte Chancen mehr bedauern wirst als alles andere."

Ed Walker hingegen ist ein alternder Astronaut, der auf der ISS seinen Dienst als Kommandant tut. Die ISS hat ihre besten Tage hinter sich und steht kurz vor der Verschrottung. Als ein Andockmanöver des russischen Raumtransporters Progress scheitert und es zur Katastrophe kommt, kann Ed nur durch beherztes Eingreifen das Leben der ihm anvertrauten Astronauten retten und sie heil zur Erde zurückbringen.

In den sieben Jahren bis zum Jahr 2023 hat sich auf der Erde viel ereignet. Der Industrielle Luke Cromberg (angelehnt an Elon Musk) hat mit der Kommerzialisierung der Fusionsenergie als Energiequelle ein riesiges Vermögen angehäuft. Den unermesslichen Reichtum und die Ressourcen seines Unternehmens Centauri Industries setzt er ein, um ein Raumschiff zu bauen, welches das Sonnensystem verlassen soll.

Um die Reisedauer kurz zu halten und innerhalb kürzester Zeit auf halbe Lichtgeschwindigkeit zu kommen, hat er einen Antrieb auf Basis von Antimaterie entwickeln lassen. Eine Sonde soll mit Hilfe dieses Antriebs einen Testflug über die Grenzen unseres Sonnensystems hinaus unternehmen. Zu diesem Zeitpunkt stößt David zum Team und seiner Prognose folgend verschwindet auch die neue Sonde in der gleichen Entfernung zur Sonne wie die bisherigen Sonden.

In Kooperation mit der NASA und dem Pentagon baut Centauri Industries ein Raumschiff, das den Ort des Verschwindens genauer unter die Lupe nehmen soll. Während die NASA Ed Walker als Kommandanten bestimmt, besteht Cromberg persönlich darauf, den jungen David als Wissenschaftler zum Teil der vierköpfigen Besatzung zu machen. Doch die Chemie zwischen den äußerst unterschiedlichen Charakteren stimmt nicht und so wird das Astronautenprogramm für David zu einer großen Prüfung.

Trotz der unermesslichen Mengen Energie durch die Fusion tobt auf der Erde ein immer erbitterter werdender Kampf um Rohstoffe. Dieser eskaliert derweil zwischen den USA und China und der Konflikt auf dem afrikanischen Kontinent wird immer heißer.

"Er verstand die Welt nicht mehr, in der er lebte. Wöchentlich kam es zu Attentaten in der westlichen Welt. Aus den großen Anschlägen zu Anfang des Jahrtausends waren unzählige kleine Aktionen auf Orte geworden, wo die Menschen am wenigsten damit rechneten. Die Antwort waren rassistische Übergriffe der Bevölkerung auf ausländische Mitbürger, die in keinem Zusammenhang mit den Fundamentalisten standen."

Das ist die Rahmenhandlung des Romans und ganz bewusst wollen wir hier nicht mehr verraten bzw. lassen sogar Informationen aus, die leichtfertig auf dem Buchrücken verraten werden. Bis auf die Zerstörung der ISS beginnt der Roman eher gemächlich. Peterson gelingt es, einen umfassenden Einblick in die Abläufe der NASA zu liefern.

Durch die präzisen Beschreibungen und die geschickt verwendete Terminologie, wirkt das Buch sehr authentisch. Hier wird Peterson sicherlich seine Erfahrung als Ingenieur in der Raumfahrtbranche dienlich sein. Für weniger technikaffine Menschen könnte sich dies allerdings als anstrengend herausstellen. Auch basieren viele Ereignisse und verwendete Technologien auf real vorgekommenen Ereignissen und wissenschaftlichen Konzepten.

Mit all dem wissenschaftlichen Background lässt sich Paradox leicht in die Kategorie der Hard-Science-Fiction einordnen. Allerdings folgt Peterson - ebenso wie schon bei Transport - seinem Grundsatz, beim überraschenden Ende von der Technik-zentrierten Schreibweise abzuweichen und sich mit gesellschaftlichen oder philosophischen Fragen zu beschäftigen.

Dies bereichert die Bücher, kann aber natürlich auch als Stilbruch aufgefasst werden. Eines der Hauptthemen ist die in vielen amerikanischen Filmen und Romanen allzu gern praktizierte Glorifizierung der Vormachtstellung der USA und ihrer Rolle als Weltpolizei.

Petersons Werk  folgt dem Trend, Romane nicht mehr in einer fernen, undefinierten Zukunft stattfinden zu lassen sondern in einer beinahe Jetztzeit anzusiedeln. Mit größtenteils aktuellen Technologien und der (noch) existierenden ISS fühlt man sich heimisch.

Die Einführung der Fusionsenergie als Energiequelle und damit als Weg zum Antimaterieantrieb ist durchaus denkbar und trübt das realistische Bild des Romans nicht. Hierzu bloggt Peterson auch auf seiner Webseite Raumvektor.de und antwortet immer wieder auf Kommentare seiner Leser.

Gegen Ende wird das Buch deutlich phantastischer und visionärer, bis es dann ein überraschendes Ende nimmt. Gegenüber Transport hat sich Petersons Entwicklung der Protagonisten deutlich verbessert. Wer sich mit dieser Art Science-Fiction-Roman anfreunden kann, sollte einen Blick riskieren und wird sicherlich nicht enttäuscht werden.

Übrigens: Paradox: Am Abgrund der Ewigkeit hat Amazons Kindle Storyteller Award für das Jahr 2015 gewonnen - so schlecht kann es also nicht sein.  ;)

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  • Tesetilaro , 2. Februar 2016 09:26
    irgendwo als freies ebook zum Kauf erhältlich - also ohne übermäßige drm gängelei?
  • Bodo , 2. Februar 2016 10:26
    habe mal beim Autor nachgefragt. Da er ohne Verlag arbeitet und selbst verlegt, finde ich das besonders unterstützenswert.
  • IceyJones , 2. Februar 2016 13:16
    kleine korrektur:
    kalte fusion ist quatsch! es geht um die "normale" kernfusion ala ITER, nur basierend auf dem stellarator-prinzip ala wendelstein-7X der gerade in Greifswald in die Versuchsphase geht!

    in keiner zeile im buch wird über kalte fusion (die eher in die esoterik-szene gehört) gesprochen.
  • Bodo , 2. Februar 2016 14:47
    danke, da sind wohl die Pferde mit mir durchgegangen. Ist korrigiert.
  • Behrli , 3. Februar 2016 11:27
    Danke für die Rezension, hätte ich nicht um Sumpf des WWW gefunden, der Autor hat einen Leser mehr. :) 
  • X-Ray , 5. Februar 2016 12:46
    Habe das Buch als Hörbuch kurz vor Silvester gehört. Ist wirklich wahnsinnig spannend und auch extrem aktuell und realistisch beschrieben. Werd aber hier nicht spoilern😃