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Knallfrosch oder Kraftwerk?

Netzteile: Echte Marke oder Label? Die Vergleichsliste der wahren Produzenten 2014
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Woran erkennt man bereits auf dem Papier ein schlechtes Netzteil?

  • Extrem hohe Wattangaben bei einem vergleichsweise sehr niedrigen Preis. Es gibt einfach keine brauchbaren 750-Watt-Netzteile für 35 Euro. Wer logisch denkt, wird feststellen, dass es für jede Leistungsklasse im Hinblick auf die verkauften Features einen Minimalpreis geben muss, dessen deutliche Unterschreitung auf ein fragwürdiges Produkt verweist. Für 10 Euro bekommt man als Gegenwert auch keine brauchbaren 400-Watt-Netzteile, obwohl derartige Brandsätze gern und oft wider besseres Wissen von skrupellosen Anbietern in Budget-PCs verbaut werden.
  • Blender erkennt man an sehr hohen Leistungen auf der 5-Volt- und 3,3-Volt-Schiene und einer geringen Leistung auf 12 Volt.
  • Der Hersteller gibt keine Combined-Leistung an, sondern weist nur die maximale Belastung für jeden einzelnen Strang aus. Dies erfolgt ohne Angabe, wieviel Leistung reell verfügbar wäre, wenn die anderen Stränge auch belastet würden. Netzteile ohne diese Angabe sollte man definitiv meiden.
  • Knackige Marketingausdrücke und typischer Werbesprech: Super, Extreme, Gaming, Combat usw. - Superlative zur Bewerbung von selbstverständlichen Standardeigenschaften sollten sofort misstrauisch machen.
  • Passiver statt aktiver Leistungsfaktorkorrektur und in Folge dessen auch ein niedriger Wirkungsgrad.
  • Sehr wenige oder nur kurze Anschlüsse. Ein 750-Watt-Netzteil besitzt normalerweise vier PCIe-Stecker für die Grafikkarten (2x 6-polig und 2x 6+2-polig), Blender jedoch meist nur zwei.
  • Die Qualität der Strangummantelung ist schlecht bzw. die Stränge sind gar nicht ummantelt. Die Durchführung ist minderwertig gepolstert.
  • Es sind keine oder nur wenige Schutzschaltungen angegeben. Werden nur OPP (Überlastungsschutz) und vielleicht noch SCP (Schutz vor Kurzschlüssen) angegeben, verweist dies auf eine schnöde Schmelzsicherung, kommt noch OVP (Überspannungsschutz) dazu, steckt ein einfacher Metalloxid-Varistor im Gehäuse. Diese Absicherung ist absolut unzureichend (weiter unten mehr dazu) und ersetzt keinen digitalen Sicherungschip. 

Man sieht es den Netzteilen trotzdem oft nicht auf den ersten Blick an, ob nun wirklich Qualität drin steckt, oder ob hinter einer schönen Fassade letztendlich dann doch das Grauen wartet. Wir haben deshalb zwei niedrigpreisige Vertreter geöffnet, wie man sie auch heute noch in vielen preiswerten Fertig-PCs findet, um zu zeigen, worauf man im Zweifelsfall achten muss.

Der erste mutige Blick ins Innere: Primärkondensator und PFC

Unser Blick fällt zunächst auf die minderwertigen Kondensatoren in PrimärkreisUnser Blick fällt zunächst auf die minderwertigen Kondensatoren in Primärkreis

Der erste Blick gilt hierbei fast immer den verwendeten Stützkondensatoren im Primärkreis. Sie puffern Netzschwankungen und sorgen für einen schnellen Ausgleich. Das verwendete Elektrolyt ist dabei die eigentliche Schwachstelle, da es vor allem durch die Kombination von Temperatur und Zeit verdampft bzw. austrocknet. Folgt man den gängigen Faustregeln, halbiert sich die Lebenszeit bei jeder Steigerung um 10° oberhalb der in den Standardlastbedingungen festgelegten Bezugsgröße. Verbaut man statt Bauteilen mit 85° nun höherwertige Bauteile mit 105°, so kann man quasi von einer Verdopplung der Lebenszeit dieses Bauteils ausgehen. Was wiederum sehr wesentlich zur Haltbarkeit des Netzteils beiträgt. allerdings sollte man hier zumindest einschränken, dass es sehr unterschiedliche Qualitäten gibt und es für den Laien kaum nachvollziehbar ist, ob es sich um sogenannte "Bad-Caps" handelt.

Passive PFC mit fetter Drosselspule. Niedriger Wirkungsgrad inklusivePassive PFC mit fetter Drosselspule. Niedriger Wirkungsgrad inklusive

Verbaute dicke Drosseln mit Eisenkern (nicht die normalen runden Filterspulen) sind ein untrügliches Zeichen für passive PFC.  Nur aufwändigere aktive Schaltungen ermöglichen Faktoren nahe 1, die passiven liegen bei maximal 0,7 bis 0,8. Die verwendete Art der Korrektur des Leistungsfaktors (PFC) lässt indirekt auch auf die zu erwartende Effizienz des Netzteils schließen. Auch hier gilt: Billig rächt sich, spätestens bei den Stromkosten. Denn Geräte mit aktiver PFC sind meistens auch aufwändiger und moderner konzipiert, obwohl PFC und Wirkungsgrad ursächlich nichts miteinander zu tun haben.

Wir suchen nach den Schutzschaltungen

Auch ohne aufgeschraubtes Netzteil erkennt man anhand des Datenblatts bereits, welche Maßnahmen der Hersteller getroffen hat (oder auch nicht). Die folgenden Schutzmechanismen sollte ein durchschnittliches Netzteil unbedingt enthalten:

• OCP (Over Current Protection) Schutz vor Stromspitzen
• OVP (Over Voltage Protection) Überspannungsschutz
• OPP (Over Power Protection) Überlastungsschutz
• OTP (Over Temperature Protection) Überhitzungsschutz
• UVP (Under Voltage Protection) Unterspannungsschutz
• SCP (Short Circuit Protection) Schutz vor Kurzschlüssen
• NLO (No Load Operation) Schutz vor lastlosen Operationen

Ohne diese Angaben hilft jedoch nur ein weiterer Blick ins Innere:

Das absolute Sparbrötchen: Enhance-PlatineDas absolute Sparbrötchen: Enhance-Platine

Wir erkennen: außer einer Schmelzsicherung gibt es keinen Schutz. Wenn diese auslöst, ist es in jedem Fall zu spät und mindestens das Netzteil bereits defekt. Dieses Netzteil ist in verschiedenen Ausführungen noch heute im Umlauf.

Bescheidenes Duett aus einfacher Schmelzsicherung und NTC-Widerstand (Thermistor) zur EinschaltstrombegrenzungBescheidenes Duett aus einfacher Schmelzsicherung und NTC-Widerstand (Thermistor) zur Einschaltstrombegrenzung

Mittels einfachster Schutzmechanismen ist ein umfangreicher Schutz definitiv icht gewährleistet, denn ein eingangsseitiger Varistor kann lediglich gegen netzseitige Überspannungen helfen. Ohne einen digitalen Sicherungschip für die Sekundärseite (Supervisor- oder Monitoring-Chip) ist die Sicherheit der Hardware dem Zufall gnadenlos ausgesetzt, denn primärseitige Schmelzsicherungen sind bei Überlast oder Kurzschlüsse durch Hardwaredefekte viel zu träge.

Der Sicherheitschip PS223 von Silicon Touch und seine Verwandten (z.B. PS332S) sind weit verbreiteter Standard zur Absicherung im Schadensfall und sollten auf keinem Fall fehlen.

Kabelsalat und Kurzschlussreaktionen

Man erkennt den Charakter eines Netzteils auch an der internen Verkabelung. Fehlende Schrumpfschläuche, offenliegende und unsaubere Lötstellen, sowie das einfache Befestigen mit Heißkleber sind Sinnbilder für eine billige und zudem gefährliche Produktion. Wenn Kabel ungeschützt an heißen Bauteilen entlang führen, ist der Schaden eigentlich bereits vorprogrammiert.

Munter sprießender Kabelsalat und offenliegende LötstellenMunter sprießender Kabelsalat und offenliegende Lötstellen

Da freut sich jeder ElektrikerDa freut sich jeder Elektriker

Platinen

Ein letzter Qualitätsindikator ist das verwendete Platinenmaterial. Getränktes Hartpapier (wie hier bei den gelben Platinen in den Bildern) ist ein sicheres Zeichen für Kostenreduzierung. Glasfasermaterialien sind wesentlich haltbarer (wenn auch nicht völlig unbrennbar).

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