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THDE liest: 'Nexus' von Ramez Naam - Cyberpunk v2 auf Nanodrogen-Basis

THDE liest: 'Nexus' von Ramez Naam - Cyberpunk v2 auf Nanodrogen-Basis
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Cyberpunk ist tot. Nicht, weil keine Cyberpunk-Romane mehr geschrieben würden, sondern weil ihn die Realität eingeholt hat. Der Roman Nexus nennt sich in Deutschland schlicht Wissenschafts-Thriller - und das aus gutem Grund.

Was sich in den Zeiten des C64 noch unvorstellbar und phantastisch angefühlt hat, ist heutzutage durch das Internet in greifbare Nähe gerückt.

Die heutige Technologie muss nicht sonderlich weit extrapoliert werden, um das zu erreichen, was damals noch Cyberpunk war. Gleichzeitig rückt diese Art des Romans auch vom Nerd-Futter zum Mainstream hin.

Das namensgebende Nexus ist eine Nano-Droge. Das heißt, sie besteht aus kleinen, programmierbaren Nano-Chips, die aber wie Drogen wirken.

Wer Nexus einnimmt, verspürt neben den drogentypischen Phänomenen eine direkte geistige Verbindung zu anderen Menschen, die ebenfalls auf Nexus sind. Die Gehirne der Gruppe werden damit quasi direkt vernetzt - sowohl auf Verstandes- wie auf Gefühlsebene.

Sie war diese Stadt. Sie war die Millionen Ichs, die darin lebten. Sie schmeckte Hunderttausend Erinnerungen.  Erinnerungen an Orte und Zeiten und Dinge und Worte.

Der Hintergrund

Erfinder oder Schöpfer von Nexus 5 sind die jungen Programmierer Kaden Lane und Rangan Shankari. Sie haben Nexus 5 auf Basis der älteren Nano-Droge Nexus 3 weiterentwickelt und sind so ins Visier der (erfundenen) Regierungsbehörde ERD (Emerging Risks Directorate) geraten.

Nexus ist allerdings nicht nur als Droge verboten sondern auch durch das weltweit anerkannte Kopenhagener Abkommen. Dieses ächtet jegliche Mittel, die dazu geeignet sind, Transhumane - also künstlich über das normale Maß hinaus entwickelte Menschen - zu schaffen.

Das Kopenhagener Abkommen wurde im Roman seinerzeit als Reaktion auf Terroristen unterzeichnet, die mit Hilfe von Nano-Drogen Terroranschläge begangen haben oder Menschen versklavt haben.

Damit vereinte Nexus die beiden juristischen Albträume Amerikas auf sich: Drogen und Terror. Entsprechend "motiviert" gehen die US-amerikanischen Behörden vor.

Allerdings hat das Kopenhagener Abkommen und die vollständige Ächtung von genetischen und technologischen Optimierungen an Menschen einen weiteren Nebeneffekt: Amerika hinkt technisch hinter dem fernen Osten her und China hat sich zu einer noch bedeutenderen Großmacht entwickelt.

Damit stellt Autor Ramez Naam die USA in die aktuelle deutsche bzw. europäische Position, wie sie zum Beispiel derzeit in der Genforschung zu finden ist. Folglich spielt der moralische Konflikt in Folge des technischen Fortschritts eine entscheidende Rolle im Roman.

Wenig zimperlich geht der Autor mit den polizeistaatlichen Methoden der USA um und hält so den letzten Regierungen mutig einen Spiegel vor. Im Laufe der Romane kristallisiert sich immer weiter der drohende Konflikt zwischen Menschen und den transhumanen "Übermenschen" heraus.

Realitätsnah geschildert

Besonderes Augenmerk hat Ramez Naam allerdings auf die Realitätsnähe der geschilderten Technologien gelegt.

Ausführlich beschreibt er in einem Nachwort, welche Forschungen ihn zu welcher Idee inspiriert haben und beweist so, dass die gezeigten Fortschritte deutlich näher an der Realität sind, als man es bei der Lektüre eines solchen Romans anfänglich erwarten würde.

Auch die computertechnischen Aspekte - beispielsweise das Hacken der Nano-Computer in den Körpern der Betroffenen - schildert er mit viel Sachverstand. Was allerdings nicht weiter verwunderlich ist, weil Naam bei Microsoft maßgeblich an der Entwicklung des Internet Explorers und Outlooks beteiligt war.

Trotzdem wirkt auch dieser Part nie trocken oder langweilig, da der Autor  eine Prise Humor miteingebaut hat. So lädt Kaden zum Beispiel ein Programm namens Bruce Lee in sein Nexus-Betriebssystem in seinem Kopf, um seine Nahkampfqualitäten von Null auf ein praktisches Maß zu verstärken. Überhaupt hat der Roman einen kaum zu ignorierenden Action-Anteil, der allerdings nie übertrieben wirkt.

Schnell wird deutlich, dass Ramez Naam die Idee des Transhumanismus wichtig ist. Das zeigt sich dadurch, dass er zu diesem Thema mehrere Sachbücher geschrieben hat und dass er 2005 den HG Wells Award von der World Transhumanist Association verliehen bekam.

Zu Beginn des Romans soll die Agentin Samantha Cataranes die Gruppe um Kaden und Rangan infiltrieren, um so dem Treiben ein Ende zu setzen beziehungsweise Kaden als Verbündeten für den Kampf gegen transhumane Terroristen zu gewinnen. Mehr soll hier zur weiteren Geschichte aber nicht verraten werden. Nur so viel: Naam zeichnet seine Figuren glaubhaft.

Zu Nexus gibt es inzwischen zwei Fortsetzungen: Crux ist auf Deutsch sowohl zum Lesen als auch zum Hören verfügbar, für Apex gibt es derzeit leider noch kein Erscheinungsdatum der deutschen Ausgabe. Vermutlich dürfte diese in der Vorweihnachtszeit erscheinen.

2 Kommentare anzeigen.
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  • jsmjsm , 22. März 2016 10:45
    Fast drei mal so viel für das Hörbuch wie für das gedruckte oder elektronische Exemplar? Haben die selbst Drogen genommen???
  • Bodo , 22. März 2016 15:17
    @jdm²
    Das ist halt das Geschäftsmodell von Audible/Amazon. Mit den normalen Preisen abschrecken und so zum Abo locken.
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