So testen wir Grafikkarten, Stand Februar 2017

Test auf dem offenen Bench Table wollen reiflich überlegt sein, wenn man den Praxisbezug nicht völlig verlieren möchte. Manches muss man offen machen, aber das meiste sollte man besser lassen - denn Leser-Gehäuse sind ja fast immer geschlossen.

Projektziel: Mehr Transparenz und Realitätsbezug

Man kann den Lesern, die mir dieses Feedback mittlerweile vermehrt gaben, eines ganz bestimmt nicht absprechen: Dass ihr Unmut unbegründet wäre. Wir sind uns der Umstände, dass die Ergebnisse im offenen Aufbau von denen in einem geschlossenen PC-Gehäuse fast immer deutlich differieren, natürlich schon seit Längerem bewusst. Doch wo findet man eine saubere Lösung, die wirklich alle Seiten glücklich macht?

Dafür habe ich seit fast sechs Monaten ein Konzept entwickelt, das es im Labor erlaubt, die Vorteile des offenen Aufbaus (Stichwort: schneller und unkomplizierter Komponentenwechsel) mit exakt den Anforderungen zu verknüpfen, die mir Leser ins Pflichtenheft geschrieben haben. Der Teufel steckt dabei allerdings im Detail, denn neben den Gaming-Benchmarks und Sensoraufzeichnungen muss jede Menge Equipment mit eingebunden werden, das über die Standardtests hinausreicht.

Neuer, flexibler Bench Table: ein modifizierter PC-T70 von Lian LiNeuer, flexibler Bench Table: ein modifizierter PC-T70 von Lian Li

Immerhin müssen ja auch unsere Infrarotmessungen, die Leistungsaufnahme und andere Dinge mit ins Konzept einbezogen werden, was mit herkömmlichen Produkten am Markt so nicht umsetzbar gewesen wäre. Deshalb habe ich bereits zur Computex 2016 den Kontakt zu Herstellern gesucht und in Lian Li letztendlich einen Partner gefunden, der auch einmal zugehört hat, was man als Reviewer wirklich braucht.

Der ursprüngliche PC-T70 - so wie wir ihn hier auf den ersten Bildern sehen - ist der klassische Bench Table schlechthin und somit als Grundmodul genau mit den gleichen Problemen behaftet, die ich ja eigentlich vermeiden wollte. Deshalb wird es für den den PC-T70  noch eine Erweiterung geben, die ich im Vorfeld ziemlich genau an meine Anforderungen anpassen konnte.

Zusammen- und Umbau des Lian Li PC-T70

Um ein geschlossenes Gehäuse zu erhalten, wird deshalb optional auch ein Set aus Seitenteilen, einer den normalen PC-Gehäusen nachempfundenen Rückwand einschließlich I/O-Shield (ATX-Blende) sowie einer Acrylabdeckung erhältlich sein.

Die Seitenteile, die jeweils zwei 12- oder 14-cm-Lüfter tragen können und jeweils über einen magnetisch haftendes Staubfilter verfügen, sind aus schwarz lackiertem Stahl gefertigt und recht stabil. Aber Lian Li produziert doch eigentlich mit Aluminium, oder? Für den Table haben wir uns explizit für Stahlteile entschieden, da hier sowohl niedrigere Kosten (für den Hersteller) als auch die erweiterten Möglichkeiten für mich recht gut meiteinander harmonieren.

Um das Ganze auch richtig schließen zu können, benötige ich nämlich noch einen Deckel. Und da man ja hineinschauen will, wurde es schließlich eine Lösung aus Acryl. Diese wiederum lässt sich hervorragend mit Magnetstreifen am Korpus befestigen und genauso einfach wieder abnehmen. Auf ein Scharnier habe ich bei der Planung mit Absicht verzichtet, denn man würde viel zu viel Platz beim Aufklappen benötigen.

An genau dieser Stelle endet dann auch der Part, der als Zusatzoption im erweiterten Lieferumfang für alle Kunden erhältlich sein wird. Doch um wirklich alle Optionen meines Mess-Equipments nutzen zu können, muss noch eine ganze Menge mehr passieren.

Da wäre zuerst meine hochauflösende IR-Kamera PI640 von Optris, mit der man ja nicht so einfach in ein geschlossenes Gehäuse hineinmessen kann. Da ich die ganze Lüfterarmada nicht benötige, habe ich dafür zwei weitere Seitenteile entworfen, die anstelle der Lüfter an der Seitenöffnung befestigt werden können. Beide Teile werden übereinander gelegt und dazwischen eine spezielle Folie gespannt, die für den Infrarotbereich durchlässig ist und deren Transmissionsgrad ich kenne.

Damit schlägt man letztendlich zwei Fliegen mit einer Klappe, denn die IR-Messung kann von außen erfolgen, während die warme Luft drin bleibt - genau das ist ja auch der Sinn dieser geschlossenen Veranstaltung. Genaueres dazu gibt es gleich noch.

Da ich zu den älteren Ergebnissen kompatibel bleiben möchte und muss, setze ich auf die gleiche Hardware-Konfiguration wie schon beim aktuellen System, habe jedoch das Mainboard nach einem Schaden durch elektrostatische Aufladung tauschen müssen. Auch dies war ein triftiger Grund, von einem nichtleitenden Bench Table aus Acryl zu einem geerdeten Gehäuse zu wechseln.

So ist nach dem Defekt aus dem MSI X99S XPower AC nunmehr ein MSI X99S XPower Gaming Titanium geworden, was aber bei der Performance keinen Unterschied macht. Beim RAM musste ich allerdings auf vier Module Corsair Vengeance DDR4-3200 ausweichen, die wir jedoch mit den gleichen 2400 MHz laufen lassen wie beim alten System.

Der Grund liegt im spiegelnden Heatspreader des Crucial Ballistix begründet, während die Corsair-Module mattschwarz sind. Erste Pobemessungen hatten nämlich ergeben, dass die alten Module durch Mirroring die IR-Ergebnisse in diesem Aufbau verfälschen können - wenn auch nur marginal.

Wasserkühlung

Um auch hier flexibel bleiben zu können, wurde die Wasserkühlung entsprechend konzipiert umd umgesetzt, denn Luftkühlung fällt aus vielen Gründen flach. Zum einen würde ein großer Tower-Kühler die Sicht der IR-Kamera versperren und außerdem die Abwärme in diesem doch recht kleinen Gehäuse so verteilen, dass kleinere Grafikkarten mit niedriger TDP gerdezu thermisch untergehen würden, was die Messergebnisse betrifft.

Ich setze bei der Wasserkühlung auf eine klassische Open-Loop-Lösung mit Einzelkomponenten, bei der die Pumpe (Alphacool Eispumpe VPP755) entkoppelt und auf Schaumstoff gelagert im unteren Teil des Systems sitzt. Als Wärmeaustauscher dient ein 36-cm-Radiator (Alphacool Nexxxos UT60 Full Copper) mit sechs Zentimeter Dicke, auf dem als Lüfter drei PWM-geregelte Be Quiet! Silent Wings 2 im Push-Prinzip arbeiten.

Der Ausgleichsbehälter wurde seitlich so ausgeführt, dass er jederzeit bequem erreichbar ist. Außerdem besitzt er auf der Oberseite noch ein T-Stück, über das sich jederzeit mittels eines aufschraubbaren Trichters weitere Flüssigkeit nachfüllen lässt.

Doch wozu dieser ganze Aufwand? Genau jetzt kommt der Schnellverschluss ins Spiel, über den sich weitere Komponenten wie eine Grafikkarte mit Fullcover-Waterblock anschließen lassen. Das Bild unten links zeigt, dass ich Lian Li dazu überreden konnten, genau an der Stelle oberhalb der Grafikkarten zwei Schlauchöffnungen zu realisieren.

Lüfter, Sensoren und weitere Komponenten

Ich habe mit änlichen Komponenten zunächst einen Midi-Tower (Be Quiet! Silentbase 800) bestückt und dort die Temperaturentwicklung mit einer heißen Asus Radeon R9 290X Strix protokolliert. Die ermittelten Temperaturwerte für die Innenluft sowie für Grafikkarte und Mainboard dienten dann als Grundlage für die Voreinstellung der Lüfterdrehzahlen im Testsystem.

Den Airflow eines üblichen PC-Gehäuses realisiere ich wie gehabt mittels Abzug über den rückseitigen Lüfter und eine Zufuhr über einen regelbaren Lüfter auf der anderen Gehäuseseite. Auch hier war ich am Ende froh, dass Lian Li die Produktion den Wünschen entsprechend angepasst hat. Der rückseitige Lüfter läuft mit fest eingestellten 700 U/min, der vordere Lüfter auf der rechten Seite mit 800 U/min. Der hintere Lüfter auf der rechten Seite kann einfach entfernt und durch einen geschlossenen Deckel ersetzt werden.

Rechts vorn sieht man eine Art Aluminiumkühlkörper, der an der wärmsten Stelle des geschlossenen Aufbaus platziert wurde und in den ich einen Temperatursensor eingelassen habe. Doch auch dazu später noch mehr. Zusätzlich habe ich am Boden hinter der Front noch zwei kleine USB-Lautsprecher befestigt, den hören will man ja ab und zu auch etwas.

Zur Spannungsversorgung nutze ich ein leicht modifiziertes Be Quiet! Dark Power Pro 11 mit 850 Watt Belastbarkeit. Geändert wurden hierbei unter anderem die modularen Kabel, um sie den Stromzangenadaptern der Oszilloskope optimal anzupassen und um stabile Spannungsabgriffe zu erhalten. Das Gehäuse selbst dient als Ringerder; es wurden diverse Massepunkte dementsprechend verbunden bzw. sogar stellenweise verlötet.

Inbetriebnahme und technische Daten

Das Testsystem ist physisch etwas kleiner ausgefallen als der Vorgänger, was der Arbeitsfläche natürlich entgegenkommt. Ich habe Schritt für Schritt auch das restliche Equipment eingebunden, kalibriert und über längere Zeit gegengetestet. Was genau jetzt wie getestet werden kann, folgt gleich. 

Zunächst jedoch noch einmal schnell der Testaufbau in tabellarischer Form:

Grundsystem
Hardware:
Intel Core i7-5930K @4,2 GHz
MSI X99S XPower Gaming Titanium
Corsair Vengeance DDR4-3200 @2400 MHz
Be Quiet Dark Power Pro 11, 850-Watt-Netzteil
Windows 10 Pro (alle Updates)
Storage:1x 1 TByte Toshiba OCZ RD400 (M.2, System SSD)
2x 960 GByte Toshiba OCZ TR150 (Storage, Images)
Wasserkühlung:
Alphacool Eispumpe VPP755
Alphacool NexXxoS UT60 Full Copper 360mm
Alphacool Cape Corp Coolplex Pro 10 LT
Gehäuse:
Lian Li PC-T70 mit Erweiterungskit und Modifikationen
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5 Kommentare
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    Dein Kommentar
  • Ge0815
    "Was denkst Du?" Sehr clever! Gerade im Hinblick auf die kommenden Prozessoren und Grafikkarten ist das ein Schritt, der sehr vorausschauend ist. So wurde bspw. für den Ryzen angekündigt, dass dieser seinen Boost-Takt in sehr feinen Schritten drosselt, und dieser wiederum abhängig von der Temperatur bzw. aufgenommenen Leistung ist (bekanntlich ist diese bei Halbleitern auch abhängig von der Temperatur). Das wird bei den kommenden Grafikkarten von Nvidia und AMD ebenso der Fall sein, dass die erreichbaren Taktraten erheblich von der Temperatur abhängig sind.
    Also ist die ausführliche Aufzeichnung dieser Temperaturen und das gesamte Test-Setup wirklich gut geeignet, das Verhalten kommender Hardware zu analysieren und ein Otto Normal-Desktopsystem entsprechend anzupassen.
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  • FormatC
    Boost ist heute schon ein Thema und leider hat man offen ab und an dann auch viel zu hohe Benchmarkwerte.
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  • JPCM2014
    Danke FORMATC! Freue mich auf den Test der 1080 Nachfolger (1080ti¿) und die neuen AMD Karten.
    Falls du mal was ganz verrücktes testen möchtest, teste eine aktive Backplate sowas haben sich schon welche bauen lassen, finde aber nirgends Aussagen zur Temps oder bessere übertaktung.
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  • Aldidas
    Gibt es dann auch wieder Charts? Hab da immer sehr gerne reingeschaut und Grafikkarten verglichen.
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  • FormatC
    Die mache ich heute noch, nur dass sie nur Frankreich nutzt.

    Aber:
    Wir warten auf das Re-Design vom Front-End. Dann sollte das wieder klappen.
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