Die Lebenserwartung: Auch bei SSDs das Allerwichtigste
Die Maximalanzahl garantierter Schreibzugriffe (auf English: ‘Write Endurance’) wird oft verwendet, um gegen SSDs im Allgemeinen und gegen bestimmte SSD-Technologien im Speziellen zu argumentieren, obwohl es kaum jemanden geben wird, der dadurch wirklich schon Daten verloren hat.
Wer eine SSD in Desktop-PC oder Notebook einsetzen will, sollte sich von der maximalen Schreibzyklenanzahl keineswegs den Schlaf rauben lassen. Es ist mehr als unwahrscheinlich, dass sie im normalen Büroalltag dieser Grenze auch nur nahe kommen. Micron und Intel schätzen, dass ein typischer Büroanwender zwischen 7 und 10 GB an Daten schreibt, also etwa zwei DVDs mit Daten. Selbst Power-User, die darüber weit hinausgehen, werden es nach Adam Riese nicht schaffen, ihre SSD vor Ablauf der Garantiezeit zu zerstören. Sollte die SSD doch Probleme machen, dann ist das typischerweise eher ein Bug in der Firmware.
Trotzdem ist es interessant zu beobachten, wie die Maximalanzahl der Schreibzyklen mit jeder neuen Fertigungstechnologie schrumpft und wie die Hersteller es auf der Systemebene schaffen, der Physik ein Schnippchen zu schlagen. Da es sich bei der Intel SSD 335 um die allererste SSD auf Basis des IMFT 20nm-Flash handelt, interessiert es uns brennend, wie sich ihre Lebenserwartung von der einer SSD 330 unterscheidet.
Was uns bei dieser Abschätzung hilftm heißt ‘Media Wear Indicator’, kurz MWI - ein Abnutzungsindikator, der bei 100 beginnt und sich im Zuge der Verwendung allmählich Richtung 0 bewegt. Da die Anzahl der Lösch- und Schreibzyklen einer Zelle von NAND-Flash begrenzt ist, ist der MWI ein guter Indikator, welcher Prozentsatz an Schreibzyklen noch übrigbleibt.
Wenn der Indikator 0 erreicht hat, dann sind die Lösch- und Schreibzyklen der SSD erschöpft. Das heißt nicht unbedingt, dass kein Schreibvorgang mehr möglich ist, aber man muss sich des Risikos bewusst sein, auf einer SSD, die nominell am Ende ihrer Lebenserwartung angelangt ist, noch wichtige, vielleicht unwiederbringliche, Daten abzuspeichern. Im kommerziellen Umfeld, etwa bei Servern, wird dem MWI große Beachtung geschenkt und eine entsprechend großzügige Reserve einkalkuliert.
Theoretisch verkraftet 20nm-Flash weniger Schreibzyklen – aber ist das in der Praxis relevant?
| Maximalanzahl Schreibzyklen | ||
|---|---|---|
| sequenzielle Test-Last, QD=1, 2 MB | Intel SSD 320 | Intel SSD 335 |
| NAND-Typ | Intel 25 nm MLC | Intel 20 nm MLC |
| Bruttokapazität | 320 GB | 256 GB |
| Netto-Kapazität (nach IDEMA) | 300 GB | 240 GB |
| Overprovisioning (Reserveblöcke) | 7% | 7% |
| gezählte Lösch-Schreibzyklen (IDEMA) | 5460 | 1037 |
| gezählte Lösch-Schreibzyklen (brutto) | 5119 | 1538 |
| Schreibdatenmenge je Prozent des MWI | 16,38 TB | 3,60 TB |
Intel spezifiziert die maximale Schreibdatenmenge für die SSD 335 nicht, aber unsere Analyse ergibt die Zahl von 360TB von nichtkomprimierbaren Schreibdaten. Wenn man dem MWI Glauben schenken darf, dann liefert uns eine einfache Berechnung (Schreibdatenmenge je Prozent des MWI mal 100 geteilt durch die SSD-Größe) das Ergebnis, dass eine 20-nm-Flash-Zelle etwa 1500 Lösch-Schreibzyklen aushält. Obgleich das gegenüber den 5000 Zyklen, die Intel für 25nm-Flash spezifiziert, sehr niedrig wirkt, sollte es keinen Grund zur Besorgnis darstellen.
Denn die Maximalanzahl der Lösch-Schreibzyklen gilt pro Flashzelle. Je grösser aber die SSD ist, desto länger dauert es, bis alle Zellen einmal gelöscht und wieder beschrieben wurden, was bedeutet, dass größere SSDs auch länger halten. So gesehen macht es durchaus Sinn, dass Intel vorerst nur eine 240GB-SSD mit 20nm-Technologie anbietet. Wenn man annimmt, dass jeden Tag 10GB an Daten geschrieben werden - ein Wert, der ohnehin hoch angesetzt ist, weil der SandForce-Controller ja in Hardware komprimiert – dann dauert es länger als 100 Jahre, bis alle Flash-Zellen an ihrer Lebenserwartungsgrenze angekommen sind.
Zudem sind sequentielle Schreibvorgänge deutlich SSD-freundlicher als zufällig verteilte Schreibzugriffe. Die folgenden Zahlen stammen aus unserem Testbericht zu Intels SSD 520 und dienen hier nur zur Illustration, sie verdeutlichen aber, dass sequentiell geschriebene komprimierbare Daten selbst für kleine SSDs durchaus schonend sind.
| Auswirkung zufälliger Schreibzugriffe auf die Lebenserwartung | ||
|---|---|---|
| Lastverhältnis: 35% 128 KB sequenziell, 65% 4 KB zufällig 128 KB sequenziell: 66% Lesevorgänge, 34% Schreibvorgänge 4 KB zufällig: 66% Lesevorgänge, 34% Schreibvorgänge Full Span, QD=1, Dauer rund 3 Stunden | Intel SSD 520 60 GB nicht komprimierbar | Intel SSD 520 60 GB komprimierbar |
| Schreibdatenmenge vom Computer | 211 GB | 583 GB |
| tatsächliche Schreibdatenmenge zum NAND-Flash | 616 GB | 100 GB |
| Write Amplification | 2,9x | 0,17x |
| aufgebrauchter Prozentsatz des MWI (E2) | 0,078% | 0,037% |
| Lebenserwartung bei diesem Szenario | 0,170 Jahre | 0,905 Jahre |
| Geschätzte Lebenserwartung der SSD (bei geschriebenen 7 GB pro Tag) | 5,12 Jahre | 75,37 Jahre |
Von Gesprächen mit SandForce wissen wir, dass das Ausmaß der Datenkomprimierung bei allen SSDs mit SandForce-Controller gleich ist und nicht etwa von der Firmware abhängt – mit anderen Worten, die Write Amplification ist unabhängig vom Herstellerlogo auf der SSD gleich groß.
Da unsere Milchmädchenrechnung ergeben hat, dass das neue 20nm-Flash etwa 30% der Lebenserwartung des 25nm-Flash aufweist, können wir die Lebenserwartungswerte aus der obigen Tabelle mit 0,3 multiplizieren, um die theoretische Lebenserwartung des hypothetischen 60GB-Modells der SSD 335 zu erhalten. 5,12 Jahre mal 0,3 ergibt aber nur 1,5 Jahre – eine nominelle Lebensdauer, die natürlich für ein Produkt mit dreijähriger Garantiezeit inakzeptabel wäre. SSD-Hersteller ziehen es selbstverständlich vor, wenn die theoretische Lebensdauer ihre Produkte die Garantiezeit übersteigt – insofern ist es unwahrscheinlich, dass es jemals ein Modell der SSD 335 geben wird, das über eine geringere Speicherkapazität als 180GB verfügt.
Heißt dass, dass die Kapazität zukünftiger SSDs mit Flash-Chips der 1x-nm-Generation zwangsläufig immer weiter zunehmen wird? Nicht unbedingt, denn die 64GB Samsung 840 Pro hat trotz 21nm-Flash eine Garantiezeit von fünf Jahren. Auch Intel wird vielleicht eine technische Lösung finden, um dem stetigen Abschmelzen der Flash-Lebenserwartung Einhalt zu gebieten.
- Intels Intel SSD 335: Ein SSD-330-Refresh mit 20nm-NAND
- Testkonfiguration und Benchmarks
- Benchmarks: zufällige Zugriffe mit 4 KB
- Benchmarks: sequenzielle Zugriffe mit 128 KB
- Benchmarks: nicht komprimierbare Daten
- Tom's Hardware Storage Bench und PCMark 7
- Leistungsaufnahme: Leerlauf und bei PCMark 7
- Die Lebenserwartung von 20-nm-Flash: Kein Grund zur Sorge
- Führt 20-nm-Flash zu niedrigeren Preisen?
