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Windows 8 weist in eine neue Richtung (Matthias Wellendorf)

Redaktionsrunde - 6 Meinungen zu Windows 8
Von , Benjamin Kraft, Igor Wallossek, Katharina Ulbrich, Patrick Afschar, Manuel Masiero, Matthias Wellendorf

Müsste der Deutsche eine Lieblingsfarbe bekennen, dann wäre dies sehr wahrscheinlich grau – zumindest, wenn er ehrlich wäre. Denn in dem Land, in dem man sich für

Matthias Wellendorf

Smartphones, Tablets und Gadgets

Tugenden wie Strebsamkeit und Pflichtbewusstsein, Ordentlichkeit und Pünktlichkeit lobt, hält man auch eine nüchterne, ablenkungsfreie, möglichst graue Arbeitsumgebung für erstrebenswert. Farben – das ist was für Anfänger.

Dementsprechend groß ist die Abneigung gegenüber den neuen Windows-Kacheln, denn plötzlich verliert die heißgeliebte Schreibtischoberfläche an Bedeutung und rutscht in den Hintergrund, verdrängt von bunten Vierecken. Und natürlich muss man an der Stelle eingestehen, dass genau hier die Umsetzung nicht ganz so perfekt geglückt ist, wie man sich es gewünscht hätte. Das Wechseln zwischen der Kachel-Oberfläche und dem Desktop ist nicht wirklich stringent und geht gerade in der Standardeinstellung manchmal auf die Nerven: Programme, die nicht für die Kacheloberfläche vorgesehen sind, können zwar in diese integriert werden, starten aber dann automatisch auf dem Desktop.

Andersherum geht’s auch: Wenn man auf dem Desktop arbeitet und schnell mal ein PDF öffnet, startet eine passende App, die für die Darstellung den ganzen Bildschirm beansprucht. Schließt man diese, findet man sich auf der Kachel-Oberfläche wieder und muss sich von dort erst zurück auf den Desktop klicken. Allerdings hat Microsoft einige neue Bedienelemente eingeführt, die solche Umwege leicht abkürzen. Bewegt man Maus oder - im Falle eines Touch-Displays - den Finger zum linken Rand, schiebt sich ein Menu heraus in dem alle offenen Apps sowie der Desktop aufgeführt und auswählbar sind. Eigentlich kann man sich ganz gut durch das neue Windows klicken - nur weiß man das häufig (noch) nicht.

Tatsächlich hätte sich Microsoft bei der Entwicklung etwas mehr Zeit gönnen können – zumindest im Desktop-Bereich. Denn prinzipiell zeigt Windows 8 in die richtige Richtung. Es beendet das Zeitalter vor Icons schier überquellenden Desktop-Oberflächen, die in Unübersichtlichkeit verschwinden. Wer seine Kacheln gut organisiert und nach persönlichen Prioritäten staffelt, bekommt eine übersichtliche Oberfläche, die sich auch mit einer Maus schnell bedienen lässt. Das Umhergeklicke in Programmmenüs fällt weg – so arbeitet es sich zum Teil deutlich schneller.

Zudem ist das Betriebssystem wesentlich schneller als der Vorgänger. Gerade wer nicht mit eine leistungsstarken Maschine arbeitet, wird sich darüber freuen, wie schnell das System im Vergleich zu Windows 7 bootet und vor allem wie schnell dann die wesentlichen Funktionen nutzbar sind. Um Standardfunktionalitäten wie das WLAN zu initiieren, genehmigt sich das siebte Windows gerne ausgiebig Zeit. Auch nach dem Start, bei der alltäglichen Arbeit, fühlt sich Windows 8 flotter an, die einzelnen Anwendungen werden schneller geöffnet. Und dabei arbeite ich bisher noch mit dem Release Preview – das sich allerdings nur noch in einigen Kleinigkeiten von der finalen Version unterscheidet – auf einem Lenovo Ideapad S205, einem Quasi-Netbook mit AMDs Brazos Plattform.

Man muss also nicht in das allgemeine Wehklagen um das „verlorengegangene“ Windows 7 einstimmten. Wer als Software-Entwickler neue Wege gehen möchte, kann nicht immer auf die Befürchtungen von Nutzern Rücksicht nehmen, die sich von ihren liebgewonnenen Angewohnheiten nicht trennen wollen. Würde man immer auf die Bedenkenträger hören, wäre Fortschritt kaum mehr möglich. Windows 8 ist ein Betriebssystem mit einigem Potential, und gerade die Bedienung mit Hilfe der Kacheloberfläche ist zukunftsweisend, selbst wenn sich Microsoft bei der Umsetzung den einen oder anderen Schnitzer geleistet haben mag und auch ich mir für die kommende Windows-Version mehr Freiheit wünsche: Zum einen beim System selbst, dass ruhig ein paar mehr Möglichkeiten für eine Personalisierung erlauben kann. Zum anderen hoffe ich, dass Microsoft den Zwang zum eigenen Ökosystem in Grenzen hält und ich auch in Zukunft Software installieren kann, die man in Redmond für den Windows Store als nicht brauchbar klassifiziert – aber das ist eine andere Debatte.

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