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THDE liest: Zeitfuge - Die Welt in 2000 Jahren

THDE liest: Zeitfuge - Die Welt in 2000 Jahren
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Dieses Mal besprechen wir mit Zeitfuge einen Zeitreiseroman eines Fantasy-Autors, der sein Buch über Kickstarter finanziert hat. Kann das funktionieren? Michael J. Sullivan tritt den Beweis an.

Ellis Rogers hat Probleme. Zuerst erfährt er, dass er unheilbar krank ist und dann findet er heraus, dass sein bester Freund mit seiner Frau geschlafen hat.

Was liegt da näher, als die zuvor gebaute Zeitmaschine ohne Rückfahrticket zu testen? Nicht nur, um der übellaunigen Frau zu entkommen, sondern auch weil es in der Zukunft bestimmt Heilung für seine Lungenprobleme gibt.

Für Ellis überraschend – für uns freilich weniger – funktioniert die Zeitmaschine prinzipiell und Ellis findet sich in der Zukunft wieder - allerdings nicht die erhofften 200, sondern stattdessen satte 2000 Jahre später.

Nichts ist mehr so, wie es der Protagonist kannte: Die Menschen wohnen nach massiven Unwettern in Folge des Klimawandels inzwischen unterirdisch in der sogenannten "Hollow World" und wurden genetisch stark verändert. Doch dazu später mehr.

Zeitfuge (im englischen Original deutlich passender "Hollow World" genannt) beginnt erst einmal behäbig. Sullivan ist es sehr ernst, Ellis' Beweggründe für die Zeitreise ohne Wiederkehr plausibel erscheinen zu lassen.

Seine Frau hat ihm nie verziehen, dass deren gemeinsamer Sohn sich vor Jahren das Leben nahm. Dazu kamen dann die unheilbare Krankheit und schließlich noch die Erkenntnis über die Sache zwischen seinem besten Freund Warren Eckard und seiner Frau.

Infolgedessen ist der Anfang ungefähr genauso wenig Science-Fiction wie die Schwarzwaldklinik. Das ist natürlich erst einmal nicht schlimm, aber leider langatmig  gehalten.

Ellis' Ankunft in der Zukunft wird direkt von einer Katastrophe überschattet - er wird Zeuge eines Mordes. Das ist insofern überraschend, weil die zukünftigen Menschen keine Aggression und deshalb auch keine Morde mehr kennen.

Überhaupt unterscheiden sich die zukünftigen Menschen sehr von uns. Dank genetischer Veränderungen haben sie neben Aggressionen auch gleich noch Tod und Krankheit weggezüchtet. Die "nervige Sache" mit den zwei Geschlechtern ist ebenso unter die Räder gekommen und damit die Androgynität augenfällig wird, laufen die meisten Menschen nackt herum.

So gleichen sie sich wie ein Ei dem anderen, weil sie quasi geklont und - da sind wir wieder bei dem einen einzigen Geschlecht - nicht gezeugt werden. Aus dieser Uniformität wiederum erwächst eine Art bevölkerungsweite Depression und der Wunsch nach Einzigartigkeit. So gibt es dann doch einige bekleidete Menschen mit skurrilsten Outfits.

Einer dieser bekleideten Menschen ist Pax-4324018. Wie alle anderen Hollow-World-Bewohner hat er ein Drei-Buchstaben-Namenskürzel (abgeleitet aus dem Beruf) und eine Zahl als Namen zur Differenzierung.

Pax trägt mit Melone und Gehrock ein recht spezielles Outfit und ist von Beruf Schlichter. Damit erfüllt er gleichzeitig die Funktion eines Polizisten, aber auch die des Seelsorgers. Er soll den oben erwähnten Mord aufklären. Pax ist außerordentlich emphatisch und glaubt Ellis sofort, dass er mit dem Mord nichts zu tun hat.

Sciene-Fiction, Utopie oder Kriminalroman?

Folglich ist Zeitfuge eher eine Mischung aus einem Kriminalroman und einer Utopie. Utopie trifft viel eher zu als Science-Fiction, da Sullivan spürbar bemüht war, eine Utopie zu erschaffen.

Die unterirdische Welt mit den geschlechtslosen Menschen und der drastisch veränderten Gesellschaft ohne Geld und Gewalt fühlt sich ungewohnt an. Eine Welt, in der dank einer Art Replikator, keinerlei Bedarf mehr nach produktiven Tätigkeiten existiert, steht die Kunst und die Erschaffung von Kunst im Mittelpunkt.

Oberflächlich betrachtet, leben die Bewohner von Hollow World in einem Paradies ohne Makel. Dennoch leiden sie unter dem Mangel daran, sich von anderen zu unterscheiden. Noch mehr fehlt ihnen allerdings eine sinnvolle, produktive Beschäftigung.

Und so bahnt sich im weiteren Verlauf des Romans eine Revolution an und Ellis wird von seiner Vergangenheit eingeholt. Nach der echten Zeitreise über 2000 Jahre in die Zukunft scheint es, als käme Ellis in eine Welt unserer Vergangenheit - und zwar mit rassistischen oder eventuell sogar faschistischen Zügen.

Hier zeigen sich dann in meinen Augen auch die Schwächen des Romans: Sullivan scheint unbedingt die utopischen Aspekte des Romans herausarbeiten zu wollen. Durchaus mutig flicht er Geschlechterkampf, Rassismus, Homophobie und ähnliche Dinge in die Geschichte ein. Aber so wichtig diese Themen sein mögen, so deplatziert und gekünstelt wirken sie gelegentlich.

"Heiligte der Zweck alle Mittel? Hätte Jesus den Mord an Hitler gebilligt?"

Auch scheint Sullivan ein Faible dafür zu haben, Verweise auf andere Literatur einzubauen. Gelegentlich fühlt man sich wie in einem Gemischtwarenhandel mit vielen verschiedenen bunten Produkten. Fast schon müsste ein Autor beleidigt sein, wenn seine Werke hier nicht erwähnt sind.

Stärken hat der Roman bei den Dialogen, die die Handlung deutlich auflockern:

"Vielleicht eine Suppe?"

"Wir brauchen im Moment wirklich nichts."

"Okay – dann mach ich euch Suppe!"

"Haben uns an der Highschool kennengelernt. Weißt Du, was das ist – Pax, richtig?"

"Eine Bildungseinrichtung?"

"Nah dran. Eigentlich ist es der Ort, wo sie Deine Träume töten."

Im Ergebnis ist Zeitfuge ein Roman, der dank seiner Stärken sicherlich lesenswert ist, aber aufgrund der darin enthaltenen Schwächen aber auch nicht jedermanns Sache sein wird. Sullivans Ausflug in die Utopie wirkt verkrampft und man ist versucht, ihm im Nachwort Recht zu geben, wo er schreibt:

"Zeitfuge ist eine Geschichte, die ich eigentlich gar nicht hätte schreiben sollen."

Doch das wäre gemein und aus dem Zusammenhang gerissen.

Sullivan hat dem Buch ein Vorwort und ein Nachwort mit auf den Weg gegeben. Gerade letzteres ist interessant, weil man hier viel über den Alltag eines Autors im Self-Publishing lernt. Dass die Produktion des Buches über Kickstarter zustande kam und dort beinahe 31.000 Dollar eingebracht hat, spricht für Sullivan und seine treuen Fans. Wir erfahren auch mehr über die Entstehung bzw. die Grundidee des Buches. Der Autor ist im Nachwort verblüffend ehrlich und offenbart interessante Informationen.

Wer sich mit dem einfallsreichen Setting und der Absurdität einer Zeitreise-Geschichte anzufreunden vermag und über die leichten Schwächen hinwegsehen kann, wird viele interessante Gedanken in Zeitfuge finden. Spaß macht das Lesen allemal.

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  • jsmjsm , 10. Februar 2016 12:07
    Ich bin total begeistert das hier plötzlich so viele meiner Lieblings-Romane (Daemon und Zeitfuge) vorgestellt werden! Empfehlen kann ich noch alles von den Autoren Andreas Eschbach (Deutschland) und Sergej Lukianenko.